Hr.fleischer e.V.

Der hallesche Kunst- und Projektraum hr.fleischer e.V. schriebt 2016 erstmals ein Projektstipendium aus. Professionelle Künstlerinnen und Künstler waren eingeladen, für den ehemaligen Zeitungskiosk an einem zentralen Knotenpunkt der Stadt Halle (Saale) ein Kunstprojekt zu realisieren, das auf diesen Ort zugeschnitten ist. Daniel Theiler reichte den Beitrag KIOSK AS A RESIDENCE ein.

KIOSK AS A RESIDENCE
Die Installation Kiosk as a Residence besteht aus der Einrichtung einer Kleinstwohnung, welche der Künstler im Zeitraum vom 12.09.2016 – 09.10.2016 bezieht und einer begleitenden Dokumentation des Erlebten in Form von Texten und Bildern, die von Innen an den Fenstern der Behausung angebracht werden. Das Projektstipendium wird somit zu einem Artist in Residence Programm, das dem Künstler die Möglichkeit gibt, den Ort intensiv zu untersuchen und mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen.

Der Kiosk wird mit einer Mindestausstattung möbliert: Einer Matratze, einem Kleiderschrank, einer Kochplatte, einer Elektroheizung, einem kleinen Tisch mit Lampe und einem Fernseher. Die Wohnung und die nähere Umgebung werden zu einem Ort, an dem Privatheit zur Schau gestellt und Öffentlichkeit gelebt wird. Der Künstler erkundet die Umgebung, lädt Passanten und Quartiersbewohner zum Plausch ein und hält seine Eindrücke auf Fotos und in Texten fest, die von Innen an die Fenster des Kiosks gebracht werden. Durch den Kontakt mit den Quartiersbewohnern können Geschichten über das Leben im Quartier und die Rolle des Kiosks eingefangen und bewahrt werden.

Die wachsende Zahl an Dokumentationsmaterial auf den Fenstern schränkt die Sicht auf das gelebte Private im Inneren mehr und mehr ein und ersetzt sie zusehends durch ein kuratiertes Außenbild. Ähnlich wie in sozialen Medien wird ein gesteuertes und geschöntes Bild nach außen transportiert, das vieles unerwünschte auslässt. In gewisser Weise wird durch die Darstellung in der Öffentlichkeit die eigene Privatheit zurückerobert: Privatheit weicht Selbstdarstellung. Gleichzeitig rückt das Dokumentationsmaterial in den Vordergrund, der im Kiosk wohnhafte Mensch rückt in den Hintergrund – bis der Künstler die Behausung letztlich vollkommen plakatiert und uneinsehbar zurücklässt. Über den Aufenthalt des Künstlers kann nur noch spekuliert werden. Die Geschichten und Fotos werden nach Ablauf der Installation in einem Band veröffentlicht.