Projektwettbewerb genossenschaftliche Wohnsiedlung Graphis in Aarau (CH)

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Die Bau- und Wohngenossenschaft Gravis führte im September 2013 einen offenen Architekturwettbewerb durch, um die Wohnsiedlung in der Pilatusstraße in Aarau durch Neubauten zu ersetzen. Auf dem 5’915 m2 grossen Areal sollen 35 bis 40 zeitgemässe, preisgünstige 21⁄2- bis 51⁄2- Zimmerwohnungen mit hohem Wohnwert für Haushalte mit Kindern, Paare, Singles, jüngere und ältere Menschen im nicht subventionierten Wohnungsbau mit dem Label Minergie-P-Eco erstellt werden. Ifsu nimmt mit dem von den Architekten Anne Femmer und Florian Summa bearbeiteten Beitrag teil.      

EG

Im letzten Jahrhundert wandelte sich die landwirtschaftlich geprägte Gemeinde Rohr mit der zunehmenden Bedeutung Aaraus als Wirtschaftsstandort zu einem grünen Wohnquartier. Charakteristisch für das Gebiet ist der Bezug einer jeden Parzelle über die niedrige Bebauung hinweg zum Horizont mit der Silhouette der Jura-Ausläufer. Genauso prägend für die unmittelbare Umgebung sind die zahlreichen privaten Gärten, die mit ihren alten Obstbaumbeständen, Blumen und Sträuchern dem bisweilen tristen Agglomerationsgebiet einen heiteren Charakter verleihen.

 

visuDer Entwurf versucht diese beiden Charaktereigenschaften als Potential zu begreifen: Verdichtung mit flachen Bauten in der Ebene und Fortführung der kleinmaßstäblichen, gartenartigen Durchgrünung. Vorgeschlagen werden vier dreigeschossige Volumen, die in ihrer Maßstäblichkeit zwischen den Einfamilienhäusern und den Siedlungsbauten changieren. In ihrer städtebaulichen Setzung knüpfen sie an die Durchlässigkeit der umgebenden Bebauung an und werden so trotz ihrer hohen baulichen Ausnützung ein selbstverständlicher Teil des Quartiers. Obwohl ein jedes Gebäude autonom für sich steht, formen die vier Volumen ein übergeordnetes, genossenschaftliches Siedlungsgefüge um einen zentralen Hof. Dieser Hof wird zum Erschließung- und Begegnungsraum für alle Siedlungsbewohner.

  Visu Innen

Freiraumplanung
Großzügig an den beiden Nebenstraßen angeschlossen ist der zentrale Platz durch eine unterbrochene Hainbepflanzung (Schattenwurf im Sommer/ Sonne im Winter) durchgestreift. Durch seinen halbprivaten Charakter dient er als geschützter Aufenthaltsbereich mit Sitzbänken, Spielgelegenheiten und Wasserflächen. Das Treffen, aber auch das Spielen für Groß und Klein kann auf dem freundlichen Belag darin stattfinden.
 Die Baumetage strukturiert den Freiraum im Wesentlichen: Die in Reihen angeordneten Bäume sind leicht zueinander versetzt und es entstehen Lücken, um Spielaktivitäten im freien Raum zu ermöglichen. In Anlehnung an die umliegende Vegetation setzen sich die Bepflanzung aus Eschen, Felsenbirnen, Ahorn- und Lindenbäumen, Weiden, Zierpappeln als die wichtigsten einheimischen Bäume, aber auch Obstbäumen wie Apfel-, Birn- und Kirschbäumen zusammen. Aus Unterhaltsgründen wurde auf Hecken verzichtet. Am Parzellenrand sind Pflanzflächen mit Bodendeckung, Stauden und Strauchgruppen als natürliche “Eyecatcher” gesetzt, die für Privatheit sorgen. Pflegeleichte, blühende Rabatten schmücken den Platz bei den Hauseingängen.

Grunsriss OG12Konstruktion
Als Konstruktionsart wird eine wirtschaftliche und nachhaltige Holzbaukonstruktion vorgeschlagen. Zum Einsatz kommt ein bewährter Elementbau mit Kastendecken. Sämtliche Spannweiten sind auf Wirtschaftlichkeit hin optimiert und erlauben die Ausbildung einer kostengünstigen und flexiblen Tragstruktur.

Ansicht Süd

Schnittansicht Ost

Ökologie / Energie / Technik
Das Gebäude- und Haustechnikkonzept ist auf die Vorgaben und Anforderungen von MINERGIE-ECO ausgerichtet. Nebst einer kompakten Bauform und einer gut gedämmten Gebäudehülle (Minergie) wird eine einfache Haustechnik gelegt, welche nach dem Motto „so wenig wie möglich, so viel wie notwendig“ konzipiert ist. Kurze Wege und gute Zugänglichkeit minimieren nebst den Investitions- und Betriebskosten zudem die Graue Energie. Der jährliche Stromverbrauch kann bis zu 80% aus eigener Stromproduktion mit der Photovoltaikanlage auf dem nordwestlichen Baukörkper gedeckt werden. Alle Wohnungen werden kontrolliert mechanisch belüftet. Über die in Decken eingelegten Lüftungsleitungen werden die Wohnräume mit in Fensternähe lieg- enden Frischluftauslässen versorgt und in den Nasszellen und Küchen wird die Abluft entsprechend wieder gefasst. Die Fortluft wird geruchsneutral über das Dach weggeführt. Für die Lüftung und Entrauchung der Tiefgarage im Brandfall sowie die Außenluftfassung der Wohnungen bieten die Deckenflächen außerhalb der Gebäudegrundrisse genügend Möglichkeiten für Installationen.

OGWohnungstypologie
Die Wohnungstypen basieren auf einer kammerartigen Struktur. Die Zimmer der Wohnungen sind alle ähnlich proportioniert, so dass vielseitige Nutzungs- und Möblierungsvarianten möglich sind. Sie erinnern an die Qualität, welche Gründerzeitwohnungen auszeichnen. Die Typologie der Wohnungen kommt ohne Korridore und Gänge aus – ohne dabei die einzelnen Räume durch zusätzliche Verkehrsflächen zu überlasten. In jeder Wohnung werden so viele Räume wie möglich direkt vom Entree aus erschlossen. Mittelpunkt des Wohnens bildet eine großzügige Wohnküche mit direktem Zugang zur Loggia, welche ebenfalls so groß wie ein Zimmer ist und dadurch jeder Wohnung einen großzügigen privaten Freiraum bietet. Fast alle Bäder liegen an der Fassade.