Projektwettbewerb Wohn- und Gewerbeüberbauung Zollhaus (CH)

Gleisfeld mit ZollhausDie Genossenschaft Kalkbreite beauftragte das Amt für Hochbauten der Stadt Zürich im Oktober 2014 einen anonymen, einstufigen Projektwettbewerb im offenen Verfahren durchzuführen, um Projektvorschläge für den neuen Wohn-und Gewerbebau Zollhaus in Zürich zu erhalten. Das Zollhaus soll zu einem innovativen und vielfältigen Lebensraum werden, der durch das Nebeneinander von Gemeinschaft und Individualität geprägt ist. Unser Beitrag schafft es in den 2. Wertungsrundgang.

Der Entwurf klärt die unbestimmte städtebauliche Situation an der Zollstrasse und bildet durch seine Dreiteilung und Höhenentwicklung einen adäquaten Abschluss des Quartiers zum grossen Gleisfeld. Durch die Höhenstaffelung vermittelt das Gebäude zwischen den unterschiedlichen Massstäben, wodurch das Quartier optimal eingebunden wird. Mit der Setzung des höchsten Baukörpers an der Ecke Langstrasse Zollstrasse entsteht ein markanter Kopfbau, der dem Zollhaus eine städtische und prägnante Identität verleiht. Diese Identität wird durch die Ensemblebildung der drei Baukörper unterstützt, die durch die gemeinsame Fassadengestaltung weiter gestärkt wird. Die Fassade bindet die Gebäude, welche sich sowohl in ihrer Geschossigkeit als auch in ihrer Grundfläche unterscheiden, zusammen. Das zollstrassenseitige zweigeschossige Sockelgeschoss untermauert die Einheit der Gebäudeteile. Es entsteht ein städtisches und kompaktes Ensemble, das der starken Gemeinschaft des Zollhauses einen angemessenen Ausdruck verleiht. Die Ensemblewirkung wird zusätzlich durch die abgewinkelten Gebäudegeometrien unterstützt.

SituationsplanDie Abwicklung der Gebäude im Bereich der Zwischenräume führt zu spannungsvollen Durchblicken, welche zusätzlich zu den Sichtachsen in der Mattengasse und Ackerstrasse erweiterte Durchblicke vom Strassenraum der Zollstrasse ermöglichen.

erweiterte durchblicke

Eine klare und strukturierte Architektur
Die kompakten Gebäudevolumen mit ihrer rhythmisierten Fassade aus Betonfertigteilen besitzen einen robusten und hochwertigen Charakter. Die Fassade bildet das Gerüst für die individuelle Gestaltung des Wohn-, Arbeits- und Lebensraums in einem gemeinschaftlichen und stabilen Rahmen. An ihr werden die unterschiedlichen Nutzungen ablesbar und die besondere Wohngemeinschaft wird von aussen sichtbar. Im Erdgeschoss öffnen sich die grosszügig verglasten Ladenlokale zur Zollstrasse. Sie beherbergen quartierbezogene Nutzungen und fördern so ein aktives Alltagsleben. Das Café und das Kulturrestaurant mit Theater sind durch ihre Lage an der Ecke Langstrasse/Zollstrasse ein kulturelles Aushängeschild der Bebauung. Geschäfte und Dienstleistungen schliessen sich daran an und ziehen die geschäftige Lebendigkeit tiefer in die Zollstrasse hinein.

erdgeschoss

ansicht Zollstr

Ansicht Gleisseite

Das Eingangsgeschoss auf dem Niveau der Gleisterrassen ist als gleichförmig gegliedertes Fassadenband ausgebildet und verdeutlicht die flexiblen Nutzungsmöglichkeiten für Büros, Dienstleistungsflächen und Räumen mit offenem Raumbedarf wie für den Kindergarten und die Kita. Die grosszügigen repräsentativen Eingänge sind schon vom Gleisfeld aus gut erkennbar. Sie laden die Besucher ein und erleichtern die Orientierung auf der Gleisterrasse. An der Fassade der darüber liegenden Wohngeschosse wird die Individualität der Bewohnerschaft deutlich: Durch die unterschiedliche Anordnung der Fassadenelemente und den Wechsel von französischen Fenstern, halb verglasten und geschlossenen Fassadenelementen und Loggien kommt die innere Flexibilität und Grundrissvariabilität auch aussen lebendig zum Ausdruck. Im Inneren wird durch die Reduzierung der Gebäudekerne und Stützen eine höchstmögliche Grundrissflexibilität erreicht. Die Vorfertigung der Betonelemente ermöglicht eine hohe Oberflächenqualität bei niedrigen Kosten und geringer Erstellungszeit.

 2-3 OG 4OG       Längsschnitt    

Innere Vernetzung und Verknüpfung mit dem Quartier durch eine belebte Öffentlichkeit und intensiv genutzte Zwischenräume
Wichtigster öffentlicher Ort neben der Zollstrasse ist die Gleisterrasse. Sie ist ein Ort der Kommunikation und ein Treffpunkt für spontane Begegnungen. Neben dem Kindergarten und der Kita befinden sich die Haupteingänge zu den Gebäuden. Von der zentralen Haupthalle mit Betriebsbüro und WC-Anlagen sind sämtliche Nutzungen wie der Bürocluster und die Flexräume, die Dienstleistungsflächen und der Waschsalon erschlossen.

1 OG

An der Haupthalle liegt auch die Cafeteria, welche gemeinsam mit den weiteren Nutzungen und einem Aussenbetrieb auf der Gleisterrasse eine belebte Öffentlichkeit generiert. Die Aussenflächen und der Spielplatz bei Kindergarten und Kita werden am Abend und am Wochenende auch öffentlich genutzt. Zusätzlich sind geschossübergreifend an die Erschliessungsflächen der Gebäude Gemeinschaftsräume angegliedert, die von den Bewohnern und Gästen genutzt werden können. So entstehen transparente Übergänge vom öffentlichen zum privaten Raum, die belebte Begegnungszonen ausbilden, welche die Gemeinschaft und die Selbstentfaltung des Einzelnen fördern. Beispielsweise können sich die Bewohner die weissen Räume selbst aneignen. Da hier keine Nutzung vorgeschrieben ist, sind der Kreativität der Bewohner keine Grenzen gesetzt; vom Bastel- über einen Musizier- oder Ausstellungsraum ist alles möglich. Die Präsenz durch die grosszügig verglaste Wand zum Erschliessungsraum hilft dabei, die eigenen Arbeiten einem breiten und interessierten Publikum zugänglich zu machen. Ein Vorhang sorgt aber auch für Privatheit und kreative Intimität. Die Dachflächen sind als begehbare Bodenpassagen ausgebildet, welche von den Bewohnern zu grossen Teilen als Gemeinschaftsterrasse genutzt werden können. Auf den aufgeständerten Holzplanken geniessen die Bewohner den freien Blick über die Weite des Gleisfeldes oder bereiten in der Gartenküche Mahlzeiten aus selbst angebautem Gemüse aus den Pflanzbeeten zu. Die grosszügig verglaste durchgesteckte Öffnung im Kopfbau an der Langstrasse erstreckt sich teilweise über drei Geschosse. Sie stellt ein grosses zweiseitiges Schaufenster dar, das den Kontakt mit der städtischen Umgebung sucht und nach aussen gut sichtbar Einblicke in das gemeinschaftliche Leben der besonderen Gemeinschaft gibt. Die Schaufensterräume bieten Platz für grosse Kunstwerke und Installationen, die beispielsweise in den direkt angegliederten weissen Räumen entstanden sind. Dem Genossenschaftsgedanken und der kulturellen und gemeinschaftliche Verantwortung in der Stadt wird durch das Schaufenster zusätzlich Rechnung getragen. Das Schaufenster ist sowohl von der Langstrasse aus als auch vom Gleisfeld und der gegenüber liegenden Seite gut sichtbar. Das Zollhaus wird zu einem Ort der Vernetzung, Integration und Offenheit, der unterschiedliche Öffentlichkeiten und Privatheiten ermöglicht. Das gesamte Zollhaus ist behindertengerecht erschlossen und auch für ältere Menschen und Menschen mit eingeschränkter Mobilität erlebbar.

Flexible Grundrisse und gemeinschaftliche Zonen
Innovative und flexible Grundrisse werden den Vorstellungen von Wohngemeinschaften, Partnerschaften und Familien gerecht und bieten die Voraussetzung für eine soziale und kulturelle Durchmischung. Die grösstenteils stützenfreien Grundrisse ermöglichen offene wandelbare Wohnungszuschnitte mit hoher Raumvariabiliät. Schaltbare Räume und Erweiterungen der Wohneinheiten machen Umnutzungen und Anpassungen an zukünftige Entwicklungen möglich. Durch das Zusammenlegen von Singlehaushalten in Cluster werden Kontakte zwischen den Bewohnern gefördert aber nicht erzwungen – ein Rückzug ins Private ist stets möglich. Das Zusammenlegen von Eingangsbereichen fördert die Kommunikation der Bewohner und erlaubt eine grosszügigere Gestaltung. Bei Bedarf kann eine klassische Zonierung in private Bereiche erfolgen.

Wonungen123

Sämtliche Wohnräume sind gänzlich in südöstliche und südwestliche Richtungen ausgerichtet. Für höchstmögliche passive solare Gewinne und eine ausreichende Versorgung der Wohnungen mit Tageslicht besitzt die Südseite einen hohen Fensteranteil. Ein aussenliegender Sonnenschutz schützt vor Überhitzung des Gebäudes. Der Entwurf verzichtet bewusst auf die Ausbildung von Balkonen und, ausser den Loggien zur Reduktion der Lärmbelastung, auf private Aussenräume in den Wohnungen. Stattdessen werden grosszügige gemeinschaftlich nutzbare Dachterrassen mit einer hohen Aufenthaltsqualitität angeboten. Dem Bedürfnis nach einem privaten Austritt nach Aussen begegnet der Entwurf mit französischen Fenstern. Sie ermöglichen den Bewohnern das Öffnen der bodentiefen Verglasung und erhöhen die Transparenz nach aussen. Für eine höchstmögliche Flexibilität sind sämtliche Fassadenelemente im Bereich des Hallenwohnens mit französischen Fenstern ausgestattet. Im Falle des Einbaus von Zwischenetagen wird dadurch auch eine Belichtung in den oberen Geschossen möglich.

Zusammenschalten

Die Schlafräume liegen grösstenteils an der Nordseite. Um den Transmissionswärmeverlust zu reduzieren besitzt die Nordseite Fassadenelemente mit einem reduzierten Fensteranteil. Die Fassade ist aus unterschiedlich offenen und geschlossenen Fassadenelementen aufgebaut, die mit geringem baulichen Aufwand an Nutzungen mit höheren Anforderungen an Opazität oder Transparenz ausgewechselt werden können.

ansicht langstrLärm
Das Grundstück an der Zollstrasse wird durch die Bahn und den Verkehr an der Langstrasse stark lärmbelastet. In diesen Bereichen sind den Wohnungen als Lärmschutzmaßnahme zwei Meter tiefe Loggien mit einer massiven, einem Meter hohen Betonbrüstung vorgeschaltet. Die daraus resultierende Reduktion der Lärmbelastung um 3 dB(A) macht auch in diesen Bereichen eine Wohnnutzung möglich. Alle Räume verfügen über eine kontrollierte Lüftung. Lüftungsfenster sind nur zu den lärmabgewandten Seiten angeordnet, sodass alle Wohnungen auch natürlich belüftet werden können.

Zukunftsfähiges Energiekonzept
Durch die sehr kompakten Gebäudevolumen, den ausgewogenen Fensteranteil und durch eine maximale Gebäudedämmung werden die Minergie-Primäranforderungen erfüllt und ein tiefer Heizenergiebedarf gewährleistet. Ein flexibler Sonnenschutz durch aussenliegende Stoffstoren gewährleistet einen effektiven Schutz vor Überhitzung. Alle Wohnungen sind mit einer Komfortlüftung ausgestattet. Die Versorgung mit Wärme erfolgt über Grundwasserwärme. Die Zentralen sind im Untergeschoss untergebracht. Die Stromgewinnung wird durch Photovoltaik auf dem Flachdach unterstützt. Dafür stehen dort ca. 800 m2 verschattungsfreie Flächen zur Verfügung. Die PV-Anlagen liefern Strom für die Wärmepumpe, den Lift und das Licht in den gemeinschaftlichen Bereichen. Die Bodenheizung wird über eine Wärmepumpe gespeist, die ein Erdregister zur Vorkonditionierung nutzt. Der Rest des Heizwärmebedarfs wird aus dem Fernwärmenetz bezogen. Die graue Energie wird durch den grösstmöglichen Einsatz von Recyclingbeton auf ein Minimum reduziert. Für den Innenausbau werden ökologisch und gesundheitlich unbedenkliche Materialien verwendet (z.B. lösungsmittel- und formaldehydfreie Lacke und Farben). Die Anforderungen an Tageslicht von Minergie-Eco an Neubauten werden durch den Tageslichterfüllungsgrad von mindestens 50% eingehalten. Aufgrund der genannten Eigenschaften kann der gesamte Entwurf nach dem Minergie-P-Eco-Standard für Neubauten zertifiziert werden.

Energiekonzept

Konstruktion
Die Tragstruktur der mehrgeschossigen Gebäude in Massivbauweise besteht aus 28 cm starken Flachdecken in Ortbeton, die auf den Fassaden- und Innenstützen und den vertikalen Erschliessungs- und Nasszellenbereichen liegen. Geringe Spannweiten und durchgehende vertikale Wandstrukturen sorgen für eine wirtschaftliche und solide Konstruktionsweise. Im Inneren sind flexible Grundrisse mit nichttragenden Wänden möglich.

ansicht fassadenschnitt