RASTER : BETON – Internationales Festival für Kunst und Architektur

Daniel Theiler nimmt mit der Installation GGR – Grünau Golf-Resort bei RASTER : BETON – Internationales Festival für Kunst und Architektur als Artist in Residence teil. Mehr zum Festival gibt es hier: http://raster-beton.de

Das GGR im Internet: www.GrünauGolfResort.de

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taz. die tageszeitung vom 17.06.2016

GGR – Grünau Golf-Resort
„Die wesentliche Errungenschaft des industriellen Siedlungsbaus bestand darin, einfache und qualifizierte Arbeitermilieus in eine sozialistische Mittelschicht integriert und respektable Milieus geschaffen zu haben, die einen Status materieller Sicherheit sowie sozialer und kultureller Einbindung genossen.“ (Keller, 2012: Leben im Plattenbau, S. 123).

Dieser von Keller beschriebene Status hatte nach der Wiedervereinigung nicht mehr lange Bestand. Durch den Wegzug vieler Bewohner_innen nach der Wende fand eine Statusumkehr statt, von der sich die Plattenbausiedlungen bis heute nicht mehr erholt haben. Das öffentliche Bild der Großsiedlungen ist von Vorurteilen geprägt und sie werden häufig mit sozialen Brennpunkten gleichgesetzt. Dies führt zu einer Stigmatisierung, welche die Qualifizierung von Plattenbausiedlungen erschwert. Das Image des angesehenen Milieus aus DDR-Zeiten ist nur noch in einigen Köpfen der Bewohner_innen der ersten Stunde vorhanden- aber auch dieses Bild erschwert eine objektive Bewertung der heutigen Situation in den Plattenbausiedlungen.

Hier setzt das Projekt an: Indem es mit einer wiederholten Statusumkehr spielt, wirft es Fragen nach Selbst- und Fremdbild des Stadtteils auf und soll zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Image Grünaus in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führen. Das Projekt Grünau Golf-Resort (GGR) installiert über den Zeitraum von zwei Monaten in der Großsiedlung Leipzig Grünau einen fiktiven luxuriösen Golfklub und macht die Siedlung Grünau zu einem temporären Golf-Resort, das sich über sämtliche grüne Zwischenräumen der Siedlung erstreckt und dadurch sämtliche Bereiche der Siedlung erfasst.

Grünau gestern und heute
Die Siedlung Grünau ist mit einer Fläche von 8,7 km2 eine der größten Plattenbausiedlungen Ostdeutschlands. Sie ist ein wichtiges Zeugnis der Wohnungsbaupolitik der DDR und daher untrennbar mit der Geschichte der DDR verbunden. Die einstigen modernen Wohnungen in den neuen Stadterweiterungen waren begehrt, denn anders als in den meist unsanierten Altbauten besaßen die Wohnungen ein Bad, fließend warmes Wasser und eine Fernheizung. Die Wartezeit für eine Zuteilung betrug oft mehrere Jahre, wer viele Kinder hatte oder politische Beziehungen wurde bevorzugt.

Leipzig, Grünau, Wohnblocks
(Fotograf: Gahlbeck, Friedrich. Quelle: Bundesarchiv)

Das Bild der Plattensiedlungen hat sich nach der Wende stark gewandelt. Heute ist das Bild der Platten in vielen Köpfen grau und trist. Dabei zeigt sich, dass das Selbstbild und die Fremdwahrnehmung bei der Bewertung von Grosssiedlungen divergieren. Die Wohnzufriedenheit der Grünau- Bewohner_innen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, wie die Intervallstudie des Helmholtz-Zentrums von 2009 zeigt. Demnach fühlen sich 74 Prozent der Befragten in Grünau wohl, womit die Zufriedenheit sogar um drei Prozent höher liegt als 1981, dem Jahr mit dem bislang höchsten ermittelten Zufriedenheitswert.

Das Projekt GGR
Das Projekt implantiert in der Siedlung Grünau für zwei Monate das Image eines Golf-Klubs. Die großzügigen Grün- und Restflächen der Großsiedlung werden durch die „Veredelung“ zur größten und urbansten Golfanlage der Welt. Sowohl die Bewohner_innen als auch Besucher_innen werden für die Qualitäten des Siedlungsraums sensibilisiert und dazu angeregt, das Image der Siedlung zu hinterfragen. Die Bewohner_innen Grünaus sind nicht mehr nur Bewohner_innen einer Großwohnsiedlung, sondern werden Teil eines exklusiven Golf-Resorts. Es findet eine Statusumkehr statt, die den Bewohnern und Bewohnerinnen ein zeitgemäßes kapitalistisch-geprägtes Image verpasst, das als Grundlage für ein neues angesehenes Milieu verstanden werden kann. In gewisser Weise kehrt nun die Exklusivität der ersten Jahre in die Plattensiedlung zurück.

„Lassen sie mich mit diesem bourgeoisen Blödsinn in Ruhe“ (Erich Honecker)

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Erich Hocker in Grünau (Bildrechte: dpa)

GGR spielt bewusst mit dem Bild des Luxus, das der Golf-Sport, besonders zu DDR-Zeiten inne hatte. Golfen und die DDR passte nicht zusammen. Golfen galt wie Tennis Spielen als kapitalistisches und feudalistisches Relikt, das beim Aufbau des sozialistischen Staats keinen Platz hatte. „Lassen sie mich mit diesem bourgeoisen Blödsinn in Ruhe“, soll Erich Honecker einmal zum Thema Golf-Sport gesagt haben.

Status durch Macht
Nur Grünau-Bewohner_innen können direkt Mitglied im GGR werden, Nicht-Bewohner_innen können nur über eine Nominierung durch eine_n Grünau Bewohner_in und die Empfehlung zweier zusätzlicher Mitglieder in den GGR aufgenommen werden. Die Bewohner_innen erhalten durch Ihre Stimme Macht, erhalten einen höheren Status und werden folglich aufgewertet.

Druck

Die Geschichte offenlegen
Die Anfänge der Siedlung Grünau waren nicht immer einfach. Die ersten Mieter_innen haben die Wohnungen teilweise schon bezogen, als die Umgebungsplanung noch einer Kraterlandschaft glich. Doch davon haben sich die neuen Bewohner_innen nicht abhalten lassen, die Gegend zu erkunden, draußen Feste zu feiern und selbst Hand anzulegen. Das Projekt GGR holt die Geschichte wieder nach oben. Dafür wird in einem kleinen Teilbereich des Grünraums die oberste Erdschicht abgetragen und die „Baulandschaft“ wieder an die Oberfläche gebracht. Diese Grube wird dann zum besondernen Hinderniss auf dem Golfparcour, dass in der Golfersprache als Bunker bezeichnet wird.

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(Fotograf: Harald Kirschner)

Klubhaus
In der Siedlung wird ein kleines Klubhaus im prächtigen Klubhaus-Stil errichtet, der typisch für exklusive Golf-Klubs ist. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass es mit der Exklusivität nicht weit her ist: Das Grundvolumen besteht aus einem Baucontainer, der mit vorgestellten Säulen und Türmchen verkleidet ist. Im Inneren zeigt sich letztendlich, dass das Versprechen der prunkvollen Scheinfassade nicht eingehalten werden kann: Eine einfach gestaltete Ausstellung zeigt gedruckte Artikel aus Zeitungen, Internet und Büchern. Zusätzlich werden Audio- und Videoaufzeichnungen von Interviews mit den wenigen Golfern in der DDR und andere Beiträge zum Golfsport in der DDR gezeigt.

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Eine neue Sicht auf Grünau
Im gesamten Grünraum der Siedlung werden Golf-Fahnen mit Golflöchern installiert, wodurch die gesamte Siedlung bespielt wird. Die Fahnen sind in allen Teilen der Siedlung präsent und regen in unterschiedlichen Situationen die Auseinandersetzung mit dem Ort an. Die Bewohner_innen werden Teil des Golf-Resorts, das Golf-Resort wird Teil der Bewohner_innen. Zusätzliche Hindernisse wie Bunker vervollständigen das Bild des Golfparcours.

Der Künstler und sein Golfcar
Der Künstler tritt als Vereinsvorstand auf, der die Bewohner_innen vor dem Klubhaus über die neue Golfanlage informiert und entsprechend der Mitgliedersatzung Mitglieder aufnimmt. Daneben fährt er regelmässig mit seinem Golf-Car die gesamte Siedlung ab und macht zusätzlich mit einem Megaphon Werbung für den exklusiven Golf- Klub. Nach Anmeldung im GGR erhält jedes Mitglied nach Fertigstellung eine Mitgliedskarte, die ihm persönlich zuhause übergeben wird. Dadurch wird es möglich sein, die Bewohner_innen persönlich in ihrer Wohnung zu besuchen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Geschichten werden dokumentiert und nach Ablauf der Installation in einem Band veröffentlicht.